Allein auf Islands Ringstraße: Wind, Wasser, Wärme, Weite

Es beginnt mit einem leisen Klicken, als die Türen des Busses am Flughafen Keflavík aufschwingen und die salzige, kühle Luft Islands die Schläfen wachküsst. Der Wind ist sofort da, dick wie ein Mantel, den man nicht abstreifen kann. Eine Rundreise auf Island als Alleinreisende oder Alleinreisender fühlt sich schon in den ersten Minuten so an: gegenwärtig, ehrlich, klar. Das Land nimmt einen mit auf seine Weise, ohne Umschweife. Zwischen Schwefeldampf und basaltgrauem Horizont öffnet sich die Erfahrung wie ein Buch, das man allein lesen und doch mit allen Sinnen teilen möchte.

Reykjavík ist ein guter Anfang, ein sanftes Eintauchen, bevor die große Runde beginnt. Ich ziehe meinen Rollkoffer über das nasse Pflaster, vorbei an Fenstern, hinter denen Kaffee dampft und Gitarren an Wänden lehnen, und atme die Mischung aus Meer, Regen und Hoffnung. In der Hallgrímskirkja stehe ich unter den Orgelpfeifen und schaue hinunter auf die bunte Stadt, die wie ein Feld verstreuter Bauklötze am Ufer liegt. Wer allein reist, spürt in Reykjavík schnell, dass man hier nicht auffällt: Menschen kommen und gehen, schweifen, bleiben, reden, schweigen. Ich setze mich in ein kleines Café, bestelle ein Zimtschneckenpaar, öffne die Karte und beginne, die Ringstraße, die berühmte Route 1, gedanklich zu umrunden. Vor dem Start decke ich mich im Supermarkt ein, denn Island ist teuer, und ein Brot, ein paar Äpfel, Käse, Skyr und eine Thermoskanne Tee sparen unterwegs viel Geld. Das Wasser aus dem Hahn ist makellos, schmeckt nach Berg und ist frei; es begleitet mich in meiner Flasche wie ein gutes Versprechen.

Am nächsten Morgen nehme ich den Mietwagen in Empfang, nicht zu groß, verlässlich, möglichst mit Allrad, weil ich mir Freiheit gönnen will. Die Ringstraße selbst ist gut zu fahren, doch Island lehrt Demut: Windböen wie unsichtbare Tiere, die am Auto rütteln, plötzliche Wetterwechsel, ein Schaf auf dem Asphalt, einspurig gedeckte Brücken. Ich lerne schnell, immer beide Hände am Lenkrad zu haben, Türen gegen den Wind festzuhalten, die Seiten über road.is und vedur.is zu checken, die Warnungen von safetravel.is ernst zu nehmen. Allein zu reisen heißt hier, sich selbst Rituale zu schenken: vor der Abfahrt tanken, auch wenn der Stand noch halbvoll ist, den Proviant prüfen, einer Route folgen und doch offen sein, um abzubiegen, wenn das Licht fällt wie Honig über einen Hügel.

Der erste Bogen führt mich in den Golden Circle, eine Einführungslektion in isländische Geografie und Geduld. In Þingvellir scheint die Erde zu atmen. Ich gehe zwischen den tektonischen Platten spazieren, die Europa und Amerika seit Urzeiten auseinanderdriften lassen, und stelle mir das Dröhnen vor, mit dem die Welt sich ordnet. Es ist still, wenn man die Hauptwege verlässt, und als Alleinreisende finde ich meine Takte, lausche meinem Schritt, dem leisen Klicken der Kamera, dem eigenen Atem. In Haukadalur stößt der Geysir Strokkur regelmäßig seine Fontäne in den Himmel, und ich beuge mich darüber wie über eine Uhr, die anders tickt. Am Gullfoss taste ich mich bis an den nassen Rand, wo die Gischt die Haut salzt, und ich begreife, warum man in Island nach Wassern und nicht nach Straßen navigieren könnte. Am Abend finde ich in Laugarvatn ein kleines Geothermalbad, lasse die Müdigkeit im heißen Wasser schmelzen und beginne zu verstehen, dass „Hot Pots“ hier Wohnzimmer sind. Man setzt sich dazu, man lächelt, man fragt, woher der Wind heute kommt.

Die Südküste nimmt mich am nächsten Tag mit in eine Abfolge von Szenen, die beinahe unverschämt ikonisch sind. Seljalandsfoss, hinter dessen Wasserschleier ich vorsichtig entlanggehe, die Jacke über den Rucksack gezogen, damit die Kamera trocken bleibt. Skógafoss, der breite Vorhang, an dessen Treppe der Puls flackert. Ich lerne wieder: Es braucht keine Hast. Ich esse ein Sandwich auf einer Tankstellenbank, schaue Schafen beim Jagen ihrer Schatten zu und schmecke den Seeweg der Luft. Reynisfjara, der schwarze Strand bei Vík, ist schön wie ein Versprechen und gefährlich wie ein Geheimnis, das man nicht ernst nimmt. Ich stehe weit hinter der Sicherheitslinie, beobachte die Wellen, die manchmal plötzlich und langfingerig sind, und höre einen Einheimischen sagen: „Respect the sea.“ Als Soloreisende bin ich doppelt achtsam. Es geht nicht um Angst, sondern um Präsenz. In Vík übernachte ich in einem kleinen Gästehaus. In der Gemeinschaftsküche entsteht an diesem Abend diese stille Verbundenheit unter Alleinreisenden: jemand schneidet Karotten, jemand dreht Pasta in einen Topf, man teilt Olivenöl, Geschichten, Routen. Man geht zeitig schlafen, weil das Licht ohnehin nicht geht, es bleibt im Sommer, hängt lauwarm über der Landschaft wie eine Erinnerung, die man nicht ablegen will.

Der Übergang zur Gletscherwelt geschieht hinter Kirkjubæjarklaustur, wo Moosfelder wie weiche, grüne Wellen liegen. Im Skaftafell-Nationalpark buche ich eine geführte Gletscherwanderung, weil Eis keine Bühne für Improvisation ist. Die Steigeisen greifen, der Guide erzählt von Blau und Zeit und Luftblasen, die älter sind als man vermuten mag. Auf dem Eis zu stehen, fern der Straßen, ist eine Verdichtung des Alleinseins: Man ist plötzlich sehr nah bei sich, und das ist gut so. Nicht weit davon treiben in Jökulsárlón Eisberge im See, und am Diamond Beach werfen sie sich in gläsernen Brocken an Land, die im Abendlicht glühen wie eine Königinnenkrone. Ich setze mich einfach hin, lasse die Kälte in die Jeans kriechen, und bin zufrieden. Ein paar Robben tauchen, schauen, verschwinden.

Hinter Höfn verlangsamt sich die Reise auf natürliche Weise, die Ostfjorde sind keine Strecke, die man jagt, sondern eine, die man begleitet. Die Straße schmiegt sich an Klippen, taucht in Wolken, beugt sich wieder ans Meer, und die Dörfer liegen wie hingeworfene Münzen in Buchten. In Djúpivogur hole ich mir Fischsuppe, die so gut ist, dass ich eine Weile nichts sage. Ich übernachte in Seyðisfjörður, wo die bunten Häuser um den Fjord wie Zuschauer sitzen, und nachts, wenn es still ist, fühle ich zum ersten Mal, wie weit die Welt hier wird. Wer allein reist, kennt diese Mischung aus Süße und Wehmut: Es ist schön, niemand fragt, aber man macht die Tür zum Zimmer leise zu, als könnte man damit die Einsamkeit höflich bitten, später wiederzukommen. Am Morgen nehme ich den Pass, achte auf den Nebel, der wie Watte drüberliegt. Ich lerne, dass man hier Zeit in Reserve einplant, weil die Straße gelegentlich einfach sagt: Warte.

Der Norden empfängt mich mit der Kraft von Dettifoss, einem Wasserfall, der nicht mal so tut, als wäre er nur Dekoration. Ich fahre, wenn möglich, die asphaltierte Westseite an, denn die Schotterstraße im Osten verlangt Geduld und gutes Wetter. Tags darauf riecht die Erde in Hverir nach Schwefel, kocht, brodelt, spuckt, die Farben sind unwirklich, und ich fühle mich wie auf einem anderen Planeten, auf dem das Leben ein Experiment ist. Am See Mývatn flirrt es. Ich spazieren durch Dimmuborgir, zwischen Lavaformationen, deren Namen man erfinden möchte, und gönne mir am Abend die Mývatn Nature Baths, die stille Schwester der Blue Lagoon, weniger poliert, nicht weniger wohltuend. Heißes Wasser und leiser Nebel sind vielleicht die besten Verbündeten des Alleinreisens. In Húsavík fahre ich ein Stück hinaus aufs Meer, Wale schauen. Es ist Glück, wenn ein Buckel auftaucht, doch eigentlich genügt schon die Erwartung, dieses kollektive, leise Atemanhalten, das alle auf dem Boot verbindet. In Akureyri laufe ich an roten Herzen vorbei, die in Ampeln statt des grünen Männchens leuchten, und trinke einen Kaffee an einem Fenster, hinter dem die Stadt gelassen wirkt. Ich sehe Paare, Familien, und ich merke, dass mein Alleinsein keine Lücke ist, sondern ein Modus, in dem sich die Welt intensiver erklärt.

Weiter westlich, hinter Hvammstangi, liegen die Halbinsel Vatnsnes und ihre Robben. Ich sitze am Strand und schaue durch das Fernglas, ein graues Schnaufen, eine flauschige Ruhe. Hvitserkur, der steinerne Drache im Wasser, steht da wie ein Satzzeichen an einer Zeile, die das Meer schreibt. Ich fahre langsam, lege Stopps ein, lasse den Motor glauben, dass es nichts zu eilen gibt. Je mehr ich dem Tempo des Landes folge, desto mehr Raum bekomme ich zurück. Unterwegs schlafe ich in Gästehäusern, manchmal im Hostel, manchmal im kleinen Farmstay, wo morgens der Geruch von frisch gebackenem Brot ins Zimmer zieht. Ich lerne, dass Island keine Nacht braucht, um zur Ruhe zu kommen, und dass ein Schlafmaskenstreifen im Sommer Gold wert sein kann. Im Winter dagegen ist es die Stirnlampe und kleine Spikes, die bei gefrorenen Parkplätzen den Sturz verhindern.

Snæfellsnes ist eine Insel auf der Insel, eine Essenz. Ich parke in Arnarstapi und laufe an den Klippen entlang, der Wind spricht mit der Brandung, die Brandung schwört auf die Steine. Die kleine Kirche von Búðir steht schwarz und fein auf einem Lavafeld, und Kirkjufell spiegelt sich im Wasser, als hätte man einem Berg ein Maßband angelegt. Ich bleibe bis spät, weil immer jemand kommt, der die gleiche Idee hatte, und am Abend gehört mir der Ort dann doch ein bisschen mehr. In Grundarfjörður gibt es Fisch, der nicht mehr sein will, als er ist. Nochmal lerne ich: Bescheidenheit ist hier kein Mangel, sondern Stil. Vor dem Schlafen gehe ich ins örtliche Freibad, ziehe Bahnen, setze mich in den Hot Pot, wasche mich vorher nackt mit Seife, wie es die Etikette verlangt. Gesprächsfetzen über Wetter, Fußball, Fischpreise mischen sich mit der Dämpfelei des Wassers. Für Alleinreisende sind diese Pools die besten Orte, um kurz nicht allein zu sein, ohne Verpflichtung, ohne Rolle.

Zurück Richtung Reykjavík ist der Umweg über die Reykjanes-Halbinsel ein stilles Finale. Ich gehe durch das Geothermiefeld bei Seltún, die Erde malt hier mit kräftiger Hand, und wenn die Bedingungen und Behörden es erlauben, schaue ich aus sicherem Abstand auf aktive Lavafelder, die in manchen Jahren plötzlich zur Bühne werden. Immer wieder checke ich Sicherheitsmeldungen; Island lädt ein, aber es legt auch Grenzen fest, und das schätze ich. Wer will, badet zum Abschluss in der Blue Lagoon oder der Sky Lagoon, wer spart, findet ein städtisches Schwimmbad und erlebt genauso viel Wohlgefühl.

Island im Winter ist eine andere Geschichte, dieselbe Seele. Die Ringstraße ist dann nicht immer durchgängig bereisbar, Pässe schließen, das Tageslicht ist knapp. Aber die Nächte gehören dem Tanz der Nordlichter. Als Soloreisende plane ich dann weniger Etappen, wähle Standorte aus, buche Touren zu Eishöhlen und lasse mir das Fahren bei Sturm notfalls abnehmen. Ich habe Spikes im Kofferraum, Eiskratzer, eine Decke und heiße Schokolade in der Thermoskanne. Im Sommer hingegen ist der lange Tag der beste Reisegefährte. Man startet später, wenn die Reisebusse weg sind, und steht in goldener Stunde an Orten, die plötzlich leer sind. In beiden Jahreszeiten gilt: Die Natur diktiert den Puls, nicht der eigene Kalender.

Was das Budget betrifft, habe ich unterwegs Routinen entwickelt. Ich esse mittags oft in Bäckereien oder an Tankstellen, deren Hot Dogs sich als ehrliche Begleiter durch Regen- und Glücksschauer erweisen. Abends koche ich, wenn ich kann, Nudeln und Gemüse, mische Lachs oder Lamm hinzu, trinke Leitungswasser, schone das Reisebudget und gönne mir gezielt Höhepunkte: eine Gletscherwanderung, eine Whale-Watching-Tour, ein Geothermalbad. Alkohol kaufe ich – wenn überhaupt – im Duty-free, weil er im Land kostspielig ist. Wer im Sommer campt, findet eine große Dichte an Campingplätzen und entdeckt dabei das Island der Morgendämmerung, wenn Zelte wie bunte Pilze im Gras stehen. Wildcampen ist im Land streng reglementiert und in vielen Regionen verboten; ich halte mich an die Regeln, um mir und anderen das Land zu bewahren. Ich trage Müll wieder raus, betrete keine Moosflächen, fliege Drohne nur dort, wo es erlaubt ist, und lasse brütende Vögel in Ruhe.

Alleinreisend lernt man auch, kleine Pannen als Ankerpunkte zu lieben. Einmal schließt der Wind die Autotür, bevor ich den Rucksack gegriffen habe, und ich lache, weil ich gelernt habe, vorher zu kontrollieren. Ein anderes Mal bemerke ich erst am Parkplatz eines Wasserfalls, dass ich die Regenhose vergessen habe; ich drehe die Heizung hoch, friere, tanze danach zur Musik im Wagen und bin seltsam glücklich über diese Unvollkommenheit. Abends schreibe ich in ein Notizbuch, notiere Straßennamen, Gerüche, die Farbe des Lichts über einer bestimmten Bucht. Kein Foto, so schön es ist, ersetzt das Gedächtnis der Worte.

Das Schönste an dieser Rundreise sind die Zeiten, in denen man sich nicht beeilt. Ein altes Farmhaus am Ende eines Schotterwegs, dessen Bewohnerin mir Kaffee anbietet und über die Schafe spricht. Ein Strand, an dem Treibholz liegt und die Luft nach Algen riecht. Ein kurzer, fast unscheinbarer Wanderweg, der in eine Schlucht führt, die aussieht, als hätte jemand mit einem Messer ins Land geschnitten, und der Fluss heilt diese Wunde seit Jahrhunderten. Ich merke, wie das Alleinreisen aus mir jemanden macht, der nicht flieht, sondern findet. Ich finde Ruhe ohne Langeweile, Aufmerksamkeit ohne Anstrengung, Begegnungen ohne Erwartung.

Wenn die Rundreise sich schließt und ich wieder nach Reykjavík zurückkehre, fällt mir auf, wie vertraut mir die Stadt geworden ist. Ich erkenne ein Graffiti wieder, das ich vor einer Woche achtlos passierte. Ich kaufe noch einmal Skyr, sitze am Hafen, höre Möwen und nehme mir vor, die wenigen isländischen Worte, die ich kann – takk, bless, góðan daginn – nicht zu vergessen. Ich gebe den Wagen ab, streiche noch einmal über das Lenkrad, beinahe als wäre es ein Pferd, das mich sicher getragen hat. In der Flughafenhalle riecht die Luft wieder nach Aufbruch, und ich spüre, wie viel Platz mir diese Insel geschenkt hat. Allein reisen bedeutet nicht, einsam zu sein. Es bedeutet, dass die Welt näher an einen heranrückt, weil nichts und niemand mehr dazwischensteht. Island ist dafür ein Lehrmeister mit sanfter Stimme und klaren Regeln, mit großen Gesten und kleinen Geschenken.

Die Rundreise endet, aber sie klingt nach. Ich trage ein paar Kiesel im Rucksack, Salz im Haar, Wind unter der Haut. Und ich weiß, dass ich wiederkehren werde, vielleicht im September, wenn die Farben sich ändern, oder im Februar, wenn der Himmel nachts Geschichten erzählt, die nur im Winter gesagt werden. Bis dahin bleibt das Echo von Wasserfällen, das Blau des Eises, die Wärme der Becken und das stille Einverständnis derer, die allein unterwegs sind und doch nie ganz allein. Island, denke ich beim Abflug, ist eine Umarmung, die lang genug dauert, um etwas in uns zu lösen, und leicht genug, um uns weitergehen zu lassen.

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